Sonntag, 29. Juli 2012

Über die Voralpen

Nach einem ausgiebigen Frühstück in unserem Hotel ging es ab Bad Tölz entlang der Isar zunächst nach Klein Kairo, wo ein lokaler Künstler Flusskiesel zu recht imposanten Steinpyramiden gestapelt hat. Idealer Ort für eine erste Rast, denn meine Beine fühlten sich ziemlich ausgelaugt an. Harry machte sich darüber lustig und betonte den ganzen Tag über, wie fit er sich fühlte und wie gering die Anstrengung für ihn war. So war es auch gedacht: eine kurze Etappe zum gemütlichen Einstieg für Harry und zur Regeneration für mich.

Ab Arschbach, ähm Arzbach, trennte sich unser Weg von der Isar und wir kamen in sehr idyllisches Voralpengebiet mit Weidevieh und einem Bergbach. Der breite Forstweg führte uns immer näher an die Benediktenwand heran und schließlich in Serpentinen den ersten nennenswerten Anstieg hinauf. Wir verabschiedeten uns vom gemütlichen Forstweg und stiegen einen steilen Weg über einen lehmigen und sehr rutschigen Grashang auf den Sattel zur Tutzinger Hütte. Uns kamen Leute entgegengeschlittert, die den Alpenverein für diesen Weg verfluchten, und wir hatten gleich mal Respekt vor den Wegen die da noch so kommen sollten.

Schließlich erreichten wir im Sonnenschein das Ziel der ersten Etappe, die Tutzinger Hütte. Dort genossen wir die urige Bergatmosphäre und den Anblick der Bedediktenwand in der Abendsonne. Außerdem hatten wir das Vergnügen, unser Viererzimmer mit zwei netten Weilheimern zu teilen und wußten gleich mal die Vorzüge von Oropax zu schätzen!

Der folgende Tag bestand aus einem abwechslungsreichen Auf und Ab an der Benediktenwand vorbei und hinunter in die Jachenau. Dieser Weg scheint mir der bei weitem schönste Anstieg auf den Münchner Hausberg, vorbei an einem kolossalen Wasserfall und vielen natürlich geformten Tümpeln, die auf ein Bad einlüden. Wenn es denn Hitze und Sonnenschein gegeben hätte. Besser so, denn wir hatten es auch so trabig, noch vor der Mittagspause den Dorfladen in der Jachenau zu erreichen! So ein Sprint durch den Wald mit schwerem Rucksack hat es in sich und Harry kam das erste Mal ins Schnaufen, endlich!

Wir statteten uns mit Proviant für die kommenden vier Tage aus, denn es würde ja keine weitere Einkaufmöglichkeit mehr folgen. Mit fühlbar mehr Gepäck am Rücken ging es dann bei Sonnenschein den Rißsattel hinauf und auf der Südseite sehr steil aber an einem wunderschönen Grashang mit grandiosem Ausblick ins Rißtal und Karwendel hinein wieder runter.

Am Schluß erreichten wir das Gasthaus in Vorderriß und legten uns noch auf die Schotterbänke der sehr erfrischenden Riß, bis die Sonne hinter Bergen und Wolken verschwand. Nach einem ganzen Tag Wandern gibt es nichts angenehmeres als die Wanderschuhe gegen Flipflops tauschen und die Füße etwas abkühlen zu können!

Ein stärkendes Abendessen und gemütliches Nachtlager sind natürlich auch nicht vernachlässigen. Wenn man denn nette Zimmergenossen hat, aber unsere drehten uns doch tatsächlich beim Carcassonne spielen einfach das Licht ab! Sowas, und meine Gummibärchen wollten sie mir auch klauen! :) Ansonsten waren die drei Münchner und zwei Franken, alles auch Weitwanderer, allerdings sehr angenehm. Etwas vergesslich vielleicht, hatte doch Christian, einer der Franken, sein halbes Equipment am nächsten Morgen am Zimmer vergessen! Sascha musste es ihm nachtragen, doch das ist eine andere Geschichte. Der nächste Tag würde uns schon nach Tirol und ins Karwendel hinein führen!

Freitag, 27. Juli 2012

Auf dem Traumpfad

Zu Fuß von München nach Venedig gehen, quer durch die Alpen auf einem über 500km langen Weg mit mehr als 20000 Höhenmetern bergauf! Und etwas mehr bergab, denn München liegt bekanntlich nicht auf Meereshöhe. Dieses Vorhaben, so entschied ich Anfang des Jahres, ließe sich super mit meinem Jobwechsel kombinieren und so begann ich von der baldigen Realisierung zu träumen. Jana war erst skeptisch und hielt mich für verrückt. Ich vermute, als sie merkte wie ernst es mir war, schwankte sie zwischen Bedauern und Erleichterung, weil ihre Teilnahme an diesem Trip aufgrund ihrer Jobsituation nicht möglich war.

Komplett im Alleingang wollte ich die Alpen aber nicht bezwingen und so überlegte ich mir, wer aus meinem Freundeskreis ein guter Begleiter wäre und auch Zeit für so eine Unternehmung hätte. Zum einen wäre da Harry, als mein Trauzeuge und echter Lebenskünstler mit viel Freizeit und Abenteuerlust ein sehr vielversprechender Kandidat! Dann wäre da der Stoffl, dessen Freundin die wunderbare Eingebung hatte, ihm einen Wegabschnitt mit mir zum Geburtstagsgeschenk zu machen. Die große Herausforderung bei diesem Bergkameraden ist nur, ihn zu konkreten Zusagen und Abmachungen zu bewegen. Und ihn zwischen seinen beruflichen und familiären Verpflichtungen ans Telefon zu bekommen. Schließlich noch Felice, ein Wahlitaliener mit Koffein im Blut und Testosteron im Kopf. Um ihn ranken sich schon die Legenden, da er zu meinem Junggesellenabschied den Untersberg mit zwei Rucksäcken bestiegen hat. In einem davon war der verhängnisvolle 10-Liter-Sangria-Tank...

Am Ende war der perfekte Plan besiegelt: alle drei würden mich jeweils eine knappe Woche lang auf meiner Wanderung begleiten! Optimal, also nur noch Packlisten austauschen, Etappenpläne aufstellen, Treffpunkte verabreden und dann konnte es losgehn!

Am 14.7. war es schließlich so weit. Es war Samstag - ich hatte nicht viel geschlafen, weil vor allem gepackt und in meinem Kopf nochmals alles durchgegangen, außerdem war am Vortag mein letzter Arbeitstag gewesen - und ich schulterte meinen Rucksack. Jana wollte mich für das Wochenende begleiten und die beiden ersten Etappen bis Bad Tölz mit mir gehen.

Die beiden Flachlandetappen an der Isar werden oft als überflüssig und langweilig beschrieben. Das Gegenteil stimmt! Vor allem der erste Tag war gesprägt durch abwechslungsreiche Natur, ein überwältigendes Gefühl von Freiheit und Romantik. Wir starteten vor unserer Haustür, gingen durch den Forstenrieder Park mit seinen leckeren Himbeeren und stießen kurz vor Schäftlarn zur Hauptroute entlang der Isar, wo wir entlang wunderschöner Dammwege spazierten.

Dort war es auch, wo wir die ersten Gleichgesinnten trafen: zwei junge Rentner, Andreas und Richard, mit verräterisch großem Rucksack und ordentlich flottem Schritt. Ich sollte in ein paar Tagen merken, dass ganze 10 Leute an diesem Samstag aufbrachen, um Richtung Venedig zu gehen! Nicht alle wollten die vier Wochen am Stück machen, manche teilten die Unternehmung in handhabbare Teiletappen auf, aber niemals hatte ich mit so vielen Mitwanderern gerechnet!

Allerdings sollte man auch nicht den Fehler begehen, die beiden ersten Tage zu unterschätzen. Insgesamt 60km wollen aus dem Stand erwandert werden, was durchaus eine Herausforderung ist! So nutzten wir die Gelegenheit, an Tag 2 eine größere Mittagsrast auf einer Schotterinsel in der Isar einzulegen. Netterweise hatten wir dabei Sonne im Gesicht und Jana legte einen Mittagsschlaf ein, während ich die gequälten Füße im kalten Wasser kühlte und Schlauchboote zählte.

Schließlich erreichten wir nach einer sehr unspektakulären weiteren Etappe Bad Tölz und freuten uns über unser Durchhaltevermögen. Für Jana war hier das Ziel, für mich im Grunde erst der Anfang der Strapazen, die ich schon auf mich zukommen sah. Ich gestehe, dass ich am zweifeln war, ob ich es körperlich bewältigen würde können! Gottseidank hatte ich Weggefährten, denn allein hätte mir schon bald die Motivation gefehlt, das spürte ich deutlich.

Am Abend waren wir mit Harry um 19 Uhr am Bahnhof Bad Tölz verabredet, aber er meldete sich kurz davor, dass er den falschen Zug genommen hätte und auf dem Weg nach Bayerisch Zell sei. Fing ja gut an! So kam es, dass Jana um 20 Uhr auf dem einen Bahnsteig in Richtung München fuhr während Harry am anderen Bahnsteig zeitgleich ankam und die beiden sich nicht sahen. Mir war klar, ich hatte einen schlechten Tausch gemacht, aber Harry und mir stünde eine tolle Woche mir glänzenden Wetteraussichten bevor!